Skip to content

Info

The_CaperUlli | Flo | Tim | Ben

 

The Caper – Compendium Of Games

Manchmal poppen in den Songs von The Caper die Assoziationen auf wie Fenster an einem schadhaften Windows-Rechner. Diese schöne Melodie, ist das Folk? Nein, das groovt doch. Außerdem wummert das E-Piano so warm, man muss eher an den Blue Eyed Soul der späten 60er-Jahre denken! Und die Gitarre, die fuzzt sich im Solo freundlich Richtung Powerpop. So Edwyn-Collins-mäßig! Ach! Klang die Stelle gerade nicht nach Ben Folds, den Florian Jakob doch so gerne mag? Das stimmt alles womöglich, gleichzeitig ist es aber gelogen. Denn die Summe ergibt bekanntermaßen mehr als die einzelnen Teile. Bei The Caper, dem Projekt des Hamburgers Florian Jakob, ergibt sie, das ist dann wohl die Idealvariante, etwas Eigenes. Eine Art Popmusik, die sich im besten Sinne des Wortes jeder Einordnung entzieht. Einen warmen Sound, der wie ein alter Freund wirkt, der abends plötzlich mit einer Flasche Bier am Esstisch sitzt. Man weiß nicht so recht, wie der ins Haus gekommen ist und warum, aber man freut sich. Man mag ihn schließlich.

Aber gehen wir ein paar Schritte zurück, betrachten den Anfang von The Caper.
Fürstenfeldbruck, Anfang der 90er-Jahre. Oberbayrische Kleinstadtidylle.
Ein Kloster, zwei Gymnasien, drei Kneipen, in die man gerne geht. Im Sommer sitzen die Kids vorm Sparkassenbrunnen, die Eisdiele heißt Al Ponte. Florian Jakob lebt am Rand der Stadt, dahinter kommen eigentlich nur noch Bundesstraße, Wald und Fluss. Das ist bundesdeutsche Idylle, aber wenn man mit dem jungen Florian unterwegs ist, spielt diese Idylle keine Rolle mehr, dann entkoppelt sich das Feeling von jeder Örtlichkeit. Vielleicht, weil die Sache mit dem Rock’n’Roll früh begann.
Der erste Film: „Hi-Hi-Hilfe“ von den Beatles, der bei den Großeltern herumliegt. Das erste Album, das er mit fünf oder sechs auf den Plattenteller hievt: Electric Light Orchestra. Die erste CD, die er sich kauft, ist der Soundtrack zum Jerry-Lee-Lewis-Biopic „Great Balls Of Fire“. Musik ist ohnehin wichtig, im Keller stehen zahlreiche Saxofone herum. Flo trommelt, fängt an, Klavier zu spielen. Den Blues.

Vor der Tür steht dieser große Chrysler aus dem Jahr 1956. Er ist ein sogenannter Two Tone Job, also zweifarbig gehalten. Man kann mit dem Wagen weit wegfahren, zum Beispiel nach München, wo an einer der Ausfallstraßen irgendwann in den 50er-Jahren ein Instrumentenladen hingesetzt wurde, der und mit den blankgeputzten Fensterflächen und der vorgezogenen Front und dem großzügig angelegten Parkplatz so aussieht, als stünde er nicht in Bayern, sondern Kalifornien. Die Plattensammlung von Florian, die ist ohnehin international. Beatles, eh klar.
Aber auch Stealers Wheel, Lovin’ Spoonful und Paul Weller kommen mir in den Sinn, wenn ich an nachmittägliche Besuche in Fürstenfeldbruck denke. Im Keller steht Flos Schlagzeug, später auch ein Fender Rhodes. Wahnsinnsinstrument. Der Gegenentwurf zu den abertausend Einstellungen umfassenden Plastikkeyboards, mit denen die meisten lokalen Bands zu dieser Zeit operieren.

Noch später kauft Florian im Fensterfrontamerikaladen ein Vierspurgerät, für damals recht sportliche 900 Mark. Ein nicht besonders schönes Teil, mit dem er fortan schiebt und schichtet umfangreichen Forschungen in Sachen Rückwärtsaufnahmen betreibt. Konsequenterweise fängt er an, erste Songs zu schreiben. Nach der Schule zieht Florian nach Liverpool, um an Paul McCartneys „Liverpool Institute For Performing Arts“ seinen Bachelor abzulegen.
Sein Schwerpunkt, das wird den geneigten Hörer kaum überraschen: das Klavierspiel. Die Zeit in Liverpool ist wohl auch die, die man als Keimzelle des The-Caper-Prinzips sehen kann, auch wenn es den Namen damals noch nicht gab: Florian Jakob. Mal alleine, mal mit Freunden. Keine Band im eigentlichen Sinne. Aber eben auch keiner dieser Typen, die mit ihrer Gitarre an der Ecke stehen und nerven. „Das würde mir nicht besonders viel Spaß machen. Das Schönste ist doch das Ausdenken, das Konstruieren, das Schauen, was zu was passt. Weil es am Ende immer anders wird, als man es sich vorgestellt hat“, sagt Florian.

Die bayrische Provinz. Großbritannien. Amerika, das über solcher Musik ja meistens schwebt.
Und natürlich Hamburg, wo Florian seit 2002 lebt. Man hört all das ebenso aus den The-Caper-Songs heraus wie erwähnte Vorbilder. Vor allem aber findet man Geschichten, die die einzelnen Stücke mitten im Leben verorten. Manchmal in Florians eigenem. So sind beiden seiner Kinder (acht und ein Jahr alt) jeweils Songs gewidmet, sie gaben sie nach einigen Verhandlungen großmütig für das Album frei. An anderer Stelle wird das Umfeld adressiert, etwa im Opener „M’s Collection“.
Ein flotter, harmonischer Zweiminüter, der vordergründig vom Sammeln handelt, was ja eine hehre Beschäftigung ist. Letztendlich geht es aber um andere Dinge. Um Gegenstände als Distinktionsmittel. Ums Angeben, ein bisschen auch um den Moment, wenn mit Sammlern dann doch die Fantasie durchgeht und aus dem Angeben ein Flunkern wird. „Ich musste beim Schreiben des Songs an einen Freund von früher denken, der immer ganz tolle Sachen hatte.
DJ-Plattenspieler. Fünfsaitige Kontrabässe. Den Soundtrack von „Die Vögel“.
Wenn man ihn besuchte, waren die Sachen aber immer zur Reparatur oder dem Halbbruder geliehen. Es ist quasi ein Hochstaplerlied“, erzählt Flo. Für andere Songs holte er sich die Hilfe einer guten Freundin: fünf Stücke entstanden in Zusammenarbeit mit der Singer/Songwriterin Holly Mae Haddock.

Bleibt die Frage nach den Namen. Was bedeutet „The Caper“? Und warum zur Hölle trägt die Platte den englischen Begriff für das etwas außer Mode geratene Produkt Spielesammlung (und sieht auch so aus)? Florian lacht. „Es gibt die sogenannten Caper Movies. Das sind quasi clevere Gangstereilme. ,Der Clou’, ,Oceans 11’. Die mag ich.
Und in ,Der Glückspilz’, einem Film mit Jack Lemmon und Walther Matthau aus dem Jahr 1966, nennt sich ein Kapitel so. Caper kann aber auch schlichtweg Kaper bedeuten.“
Und die Sache mit der Spielesammlung? Nun, die erklärt sich vielleicht aus der Geschichte.
Die Lieder entstanden über einen Zeitraum von acht Jahren, die Umstände ähnelten sich aber stets. Aufgenommen wurden sie in verschiedenen Proberäumen und im hauseigenen Tonstudio im Keller, das auf viereinhalb Quadratmetern direkt neben Waschmaschine und Trockner (wer genau aufpasst, hört ihn nachschleudern – wo, wird nicht verraten) alles zusammenfasst, was man so braucht: “Das ist quasi mein persönliches Best-Of. Songs, die ich mag, Aufnahmen, die ich mag. Und die sind in sich schlüssig.“ Was als nächstes folgt? Vielleicht doch eine Band-Platte.
Denn live sind The Caper zu viert. „Gute Jungs.“, sagt Flo.
Wir glauben es ihm sofort.